"Schneemänner" auf Mallorca
 

NevaterDie Nevater, mallorquinische "Schneemänner", sammelten und konservierten im Winter Schnee, um damit im Frühjahr - wenn die Temperaturen stiegen - Restaurants, Metzger, Fischläden usw. zu beliefern.

Historische Dokumente beschreiben das Sammeln und Lagern von Schnee in der Serra de Tramuntana seit dem 16. Jahrhundert, so belegt in Aufzeichnungen von 1564 und urkundlichen Nennungen von 42 Schneehäusern (Cases de Neu) innerhalb des Tramuntana-Gebirges. Aus dem Jahr 1656 ist eine Regelung des Gewerbes des Handels mit Schnee durch das Capítol de l’Obligat de la Neu bekannt. Bei den Schneehäusern handelte es sich um künstliche, manchmal auch natürliche schachtartige Vertiefungen, die innen mittels Trockenmauerwerk, in der Bauweise den mallorquinischen Tanca-Mauern (auch Marges genannt) ähnlich, ausgekleidet waren. Das Mauerwerk ragte etwa einen Meter aus dem Erd- oder Felsboden heraus und war mit einem isolierenden Dach aus gebundenem Schilf oder einer Mischung aus Binsen und Ziegeln, selten auch mit Steinen gedeckt.

Die meisten der Cases de Neu waren etwa 10 bis 16 Meter lange, annähernd rechteckige Bauten. Ihre Breite betrug durchschnittlich 6 Meter, die größten erreichten Breiten bis 8 Meter. Die Gruben im Inneren waren bis über 6 Meter tief, wenngleich die Mehrzahl der Bauwerke nur eine Tiefe von 3 bis 5 Metern aufwiesen. Über die Hälfte der heute bekannten Schneehäuser verfügten über Nebengebäude als Unterkünfte für die Arbeiter, die Nevaters („Schneemänner“). Diese Schutzhütten kommen umso häufiger vor, je höher das jeweilige Schneehaus lag. Gleiches trifft auf speziell für die Cases de Neu angelegten Wege zu. Bei etwa einem Viertel der Schneehäuser wurden in der Nähe Trockensteinmauern errichtet, die der Anhäufung zu Schneewehen dienten und damit das Sammeln des Schnees erleichterten.

Die Arbeit der Nevaters war für diese nur eine Nebentätigkeit, die etwa zehn bis vierzehn Tage des Jahres ausmachten. In dieser Zeit wurde der gesammelte Schnee durch kleine Fenster in die Cases de Neu eingefüllt und dort zu Eis verdichtet. Danach durch Isoliermaterial wie Schilf oder Stroh gut abgedeckt, hielt sich das Eis bis in die Sommermonate. Nach und nach wurde es vornehmlich in die Inselhauptstadt Palma an die dortige Lebensmittelindustrie, an Krankenhäuser, aber auch an vermögende Privatleute verkauft. In der Gastronomie wurde das Eis bei der Herstellung von Speiseeis und Erfrischungen verwendet, auf Märkten diente es beispielsweise Fischhändlern zur Frischhaltung ihrer Waren und im medizinischen Bereich wurde es zum Stillen von Blutungen und der Behandlung von Brandverletzungen gebraucht.

Die Zeit der Cases de Neu endete mit der Einführung elektrischer Kühl- und Gefrieranlagen, vor allem in der Industrie. Nach 1927 hatte auch das letzte Schneehaus am Puig de Massanella ausgedient. Seitdem befinden sich diese historischen Bauten in verschiedenen Stadien des Verfalls. Viele der zu den Schneehäusern angelegten Wege, auf denen man früher das gewonnene Eis auf Mauleseln zu den nächsten Straßen transportierte, um es dann weiter auf Eselskarren zu Tal zu bringen, werden heute als Wanderwege genutzt. So führt auch der Fernwanderweg GR 221 an mehreren Standorten von Schneehaus-Ruinen vorbei. Im Massanella-Massiv ist ein Gebirgspass, der 1142 Meter hoch gelegene Coll de ses Cases de Neu, nach den ehemaligen Bauwerken benannt.

Quelle: wikipedia.de